Ich habe mich schon oft gefragt, wieso ich eigentlich so denke wie ich denke und so fühle wie ich fühle. Wieso interessieren mich Tiere so stark? Wieso will ich ausgerechnet Tieren helfen und nicht Menschen? Um mir darüber bewusst zu werden, was mich zu meinen Moralvorstellungen gebracht und meine Affinität zu Tieren geformt hat, bin ich einmal durch meinen Kopf gereist.

Welche Rolle Tiere in meiner Kindheit spielten

Seit ich denken kann, wurde mein Alltag von Tieren begleitet. Angefangen hat meine Liebe mit gerade mal einem Jahr: „Petersilie“ und „Zwiebelchen“ traten in mein Leben. Die äußerst unglücklich geratenen Namen gehörten zu zwei kleinen braun-schwarzen Meerschweinchendamen und die Person, der sie diese Namen zu verdanken hatten, war mein damals vierjähriger Bruder.

Petersilie und Zwiebelchen hatten liebenswerte Charakterzüge und ich behandelte sie wie meine Freunde. Ich las ihnen Geschichten vor, erzählte ihnen von meinen Sorgen, ich spielte mit ihnen und zum Entsetzen meiner Mutter, teilte ich auch ab und zu mit ihnen das Futter. Im Ernst, jedes Kind hat schon mal Tierfutter probiert, oder? 😀

Ein paar Jahre später erfuhren mein Bruder und ich von „Strubbi“ und „Pünktchen“, zwei Meerschweinchenherren, die ein neues zu Hause suchten. Wir fuhren noch am selben Tag los und SCHWUUUPPPS, hatten wir ein Kleintierparadies zu Hause. Durch Pünktchen erfuhr ich das erste Mal in meinem Leben, was es heißt, einen Freund zu verlieren. Der kleine Kerl musste eingeschläfert werden. Ich kann mich erinnern, dass ich Tage lang weinte. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie es ist, jemanden nie wieder zu sehen.

Sweety trat in unser Familienleben. Ein Meerschweinchenbaby, das nichts außer toben im Kopf hatte. Stellt euch einmal das Bild von einem Meerschweinchenbaby und einem Meerschweinchenopi vor. Es war ungefähr wie bei dem Pixarfilm „Oben“: Ein alter verbitterter Mann, der nichts mehr schätzt als seine Ruhe und ein kleiner Junge, der mit seiner aufgeweckten Art die Nerven des alten Mannes strapaziert.

Strubbi und Sweety

Strubbi, Petersilie und Zwiebelchen gingen nach acht Jahren von uns. Weitere Tiere folgten und es gab bis zu meinem 16. Lebensjahr keinen Tag, den ich ohne ein Haustier an meiner Seite durchlebte.

Meine Intention ist es nicht, zu sagen „Ich hatte drei Millionen Haustiere und das war super – deshalb mag ich Tiere“. Die Auflistung der kleinen Wuschelköpfe zeigt mir, dass jedes Tier mir etwas mitgegeben hat. Kinderherzen sind noch so rein und sie behandeln die Erde und ihre Lebewesen mit so viel Liebe. So wie ich damals. Die kleinen Tiere waren kein Mittel zum Zweck oder ein passives dummes Tier für mich, sondern sie waren ganz einfach meine Freunde.

Durch die kleinen wuscheligen Tiere erzogen mich meine Eltern schon als Kind zu einer echten Tierliebhaberin, aber vor allem – zu einer verantwortungsbewussten.

Als ich klein war, stand auf jedem zweiten meiner Weihnachtswunschzettel ein Hund. Und Freunde, dieser Wunsch hat sich bis heute nicht geändert. Jedoch weiß ich eins heute, was mir als Kind nicht bewusst war: Einen Hund zu besitzen bedeutet nicht nur spielen und streicheln, sondern vor allem viel Erziehung, finanzielle Rücklagen geschaffen zu haben und dass nicht jeder Hund zu jedem Lebensstil passt.

Lisa und Nala

Ich ging also regelmäßig mit den Hunden von jeglichen Freunden spazieren und zog meinen Stofftierhund an einer Leine durchs Ort, um meinen Eltern zu zeigen „Ich kann mich wooooooohle um einen Hund kümmern!“ Hobbies wie Hunde ausführen und Reiten, machten mich zu einer echten Tierexpertin von A-Z.

Meine Erfahrungen mit Tierleid

Ich erfuhr aber nicht nur Tierwohl, sondern auch Tierleid. Meine erste Erfahrung damit machte ich mit gerade mal vier Jahren. Bei uns in der Nähe gab es einen Bauernhof, auf dem ich sah, wie eine Kuh geschlachtet wurde. Ich habe nicht den Moment selbst gesehen, aber dafür das aufgeschnittene Lebewesen, wie es von der Decke hing und wie das Blut durch den Hof floss. Ich denke, diese Momente machten mich schon als Kind unterbewusst zur Fleischhasserin, aber vor allem, zu einem aufgeklärten Kind.

Eine einprägende Erfahrung zum Thema Tierleid machte ich mit zwölf Jahren. Damals war ich mit meiner Mutter und Freunden in der Türkei. Wir besuchten Bekannte und sahen somit nicht das Touristenleben des Landes, sondern das reale Leben. In Ländern wie diesen werden Tierrechte kleingeschrieben. Tiere sind dort Dreck und keiner Würde wert. Auf den Straßen tummeln sich abgemagerte Hunde und Katzen, die sich immer weiter vermehren.

Wir besuchten dort ein Einkaufszentrum. In einem der vielen Läden stand ein Hund zum Verkauf, welcher in einen viel zu kleinen Käfig eingesperrt war. Ich konnte schon damals nicht verstehen, wie man einem Lebewesen so etwas antun kann und vor allem sah ich die Ungerechtigkeit. Ich fing mitten in dem Kaufhaus an zu weinen, weil ich mir so nutzlos vorkam. Das Schicksal des kleinen Hundes machte mich traurig weil ich wusste, dass ich ihm nicht helfen kann und dass er leider kein Einzelfall ist.

Es folgten weitere Haustiere in meinem Leben. Unter anderem rettete ich einen deutschen Riesen – ohne das Wissen meiner Eltern – vor dem Schlachter. Als ich klein war, sagte mein Papa einmal zu mir, man müsse aufpassen, dass ich nicht irgendwann mit einem Elefanten in meinem Zimmer sitze. Dieses Bild würde meine Liebe zu Tieren in einem Symbol sehr gut auf den Punkt bringen  😀

Ich habe selber erlebt, dass Menschen nicht nur sogenannte Nutztiere wie Dreck behandeln, sondern auch die, die ihren Alltag mit uns teilen. Eine Bekannte klingelte mit einem Karton in der Hand an unserer Haustür. Den Karton hatte sie bei einem Ausritt gefunden. In der Schachtel lag eine kleine verletzte Babykatze, die im Wald ausgesetzt wurde. Sie wurde mit ein paar weiteren Katzen dort ausgesetzt, die alle verstümmelt waren und auf Grund dessen verstarben. Die kleine schwarz-weiße Katze war die einzige Überlebende. Mein Tierschützerinstinkt wuchs und ich fragte mich ständig, was einen Menschen veranlassen kann, so herzlos zu handeln. Also nahm meine Familie die kleine Katze auf und wir nannten sie Tara. Wenn man Tara sah, hätte man denken können, eine alte menschliche Seele würde in ihrem kleinen behaarten Körper leben. Sie hatte so viele menschliche Charakterzüge und mir wurde mehr und mehr bewusst, dass Tiere uns sehr ähnlich sind, sie nur leider nicht die Möglichkeit haben, ihren Willen zu artikulieren.

Tara

Essverhalten ungleich Tierschutz?

In meiner Schulzeit wurde ich das erste Mal Vegetarierin. Schon immer hatte ich einen Ekel vor Fleisch, als wäre es mir in die Wiege gelegt worden. Es fing sehr früh damit an, dass ich kein Hackfleisch essen konnte, weil es für mich nach Würmern aussah. Weiter ging es mit Würgereizen bei durchwachsenem Fleisch, was ich als Kind liebevoll „Knorpel“ nannte. Im Laufe der Zeit gab es immer öfter den Fall, dass mir im Kopf herumschwirrte „Ich esse eine Leiche“.

Viele Leute fragen mich „Kann ich nicht Tierliebhaber sein und trotzdem Fleisch essen?“ Klar, da gehen die Meinungen drastisch auseinander. Prinzipiell ist das eine moralische Frage, die ich für niemanden beantworten kann, außer für mich selbst – Hier ist meine Antwort: Arthur Schopenhauer sagte einmal: „Die Güte des Herzens besteht in einem tiefen, universellen Mitleid mit allem, was Leben hat.“ Ich töte ja auch nicht die Menschen, die ich liebe – Wieso sollte ich also differenzieren?

Also wurde ich Vegetarierin. Meine Abneigung hielt nicht allzu lange an und ich gönnte mir auf einem Schulfest eine Bratwurst. Abneigungen des Gleichen traten allerdings immer häufiger auf. Ich aß nur noch bestimmte Dinge, mal mehr und mal weniger. Als ich älter wurde, versuchte ich einfach nicht mehr nachzudenken während ich esse, aber irgendwann war mein Ekel nicht mehr zu unterdrücken und meine Moralvorstellungen wuchsen auch stetig. Daran, dass ich trotz Ekelgefühlen und Abneigung ständig versuchte Fleisch zu essen sieht man, welchen Stellenwert Fleisch in unserer Gesellschaft hat. Ich wusste anfangs nicht, was ich denn überhaupt essen sollte ohne Fleisch, denn es wurde mir nie vorgelebt. Es war irgendwie normal, dass jeder Fleisch aß während ich ständig Gedanken hatte wie „Ich esse etwas, das mal gelebt hat und eine Seele besaß“. „Ich esse etwas, das Emotionen spüren konnte“. „Wieso darf ich ein Kälbchen essen, aber keine Katze? Fleisch ist Fleisch.“ „Nur weil diese Tiere ihren Willen nicht äußern können, gibt es uns nicht das Recht, über sie zu bestimmen und ihnen das Leben zu nehmen.“ Jahre später, kurz nach meinem 18. Geburtstag, habe ich mich dazu entschlossen: Ich mache keine halben Sachen mehr. Wegen mir muss kein Tier sterben.

Wenn ich mir all diese Ereignisse meiner Kindheit und frühen Jugend anschauen, werde ich mir dessen bewusst, dass ich zwar behütet aufgewachsen bin, aber meine Eltern nie die Wahrheit vor mir versteckt haben. Ja, wir Menschen essen, quälen, unterdrücken und misshandeln Tiere und entweder du kommst damit parat oder du veränderst etwas. Ich habe die Werte und Normen unserer Gesellschaft hinterfragt und mich nach Kant, meines eigenen Verstandes bedient. Letztendlich bin ich sehr stolz darauf! Ich bin stolz darauf, dass ich meine Zeit hier auf der Erde sinnvoll nutze und nicht jeden Tag vor mich hinlebe, die Glotze anmache und dabei akzeptiere, welche Gegebenheiten herrschen. Ich bin stolz darauf, dass ich über den Tellerrand hinausschaue (Im wahrsten Sinne des Wortes) und für etwas stehe, denn ich weiß – das kann nicht jeder von sich behaupten! Egal was andere Menschen zu mir sagen: „Kein Fleisch zu essen ist unnatürlich“, „Vegetarier/Veganer zu sein, geht nicht automatisch mit Tierschutz einher“, oder sogar ganz plump „Jeder muss mal sterben“, bringen mich zwar auf die Palme, aber machen mir auch bewusst wie gesegnet ich bin, dass ich so viel Mitgefühl für Lebewesen aufbringen kann.

Wir sollten alle damit anfangen, bewusster zu leben und vor allem nicht die Augen davor verschließen, dass Tiere mehr sind, als nur ein Passivzustand mit pochendem Herzen oder unsere nächste Mahlzeit. Besonders aber sind sie auch ein guter Teampartner. Blindenhunde, Lawinenhunde und Spürhunde erleichtern uns die Arbeit im Team. Tiertherapien wie Pferdeosteopathie können uns heilen. Pferde können uns außerdem sicher von A nach B bringen und auch Kühe schenken uns ihr Herz, wenn wir ihnen die Möglichkeit geben!

Tiere achten und helfen uns jeden Tag und es wird Zeit, dass wir Gleiches auch für sie tun!

About the Author

Lisa Joppich

Ist Tierschützerin aus Überzeugung und studiert Journalismus an der IU internationale Hochschule

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